«Unsere kleine Stadt» ist ein Stück wie das Leben selbst. Mit Höhen und Tiefen, Freud und Leid. Die Theatergruppe St. Otmar führt es morgen in der Curlinghalle erstmals auf.
Mirjam Bächtold
Im amerikanischen Kleinstädtchen Grover's Corners ist alles so, wie es sein soll. Jeder kennt jeden, morgens kommt der Milchmann mit seinem Esel Bessie, die Frauen singen im Kirchenchor und ihr Hauptgesprächsthema sind die eingemachten Bohnen. Die Kinder sind wohlerzogen und ihr Ziel ist es, einmal zu heiraten und selbst eine Familie zu gründen. Kurz gesagt, in Grover's Corners ist die Welt noch in Ordnung.
Diese heile Welt, welche die Theatergruppe St. Otmar morgen abend erstmals in der Curlinghalle auf die Bühne zaubert, dauert aber nicht lange an. Das alltägliche Leben der Familien Gibbs und Webb in Thornton Wilders «Unsere kleine Stadt» wird plötzlich durch einen Schicksalsschlag getrübt.
Nachhaltig berührt
Das Stück mag auf den ersten Blick unspektakulär erscheinen. Genau dies habe sie auch gedacht, als sie es zum ersten Mal gelesen habe, sagt Regisseurin Isabelle Rechsteiner. Trotzdem habe sie sich entschlossen, es aufzuführen. «Die Geschichte hat mich nachhaltig berührt», sagt sie. Das Stück spiegle das Leben wieder: mit fröhlichen und tragischen Ereignissen. Deshalb könne sie es auch nicht mit Bestimmtheit ein Drama nennen, auch wenn der letzte Akt das annehmen lasse. «Es ist einfach wie das Leben selbst.»
«Lebenslieder» in Moll und Dur
Auch die Figuren sind aus dem Leben gegriffen: Emily Webb, ein braves, fleissiges Schulmädchen, und der Lausbub George, der nur Baseball im Kopf hat. Während des Stücks werden sie erwachsen. Und die Eltern müssen lernen, ihre Kinder gehen zu lassen. Die Laienschauspieler verstehen es, das Gefühlschaos, in dem die Figuren sich befinden, sehr überzeugend darzustellen. Vor allem an der Hochzeit von George und Emily fahren die Gefühle Achterbahn: Panik und Freude, Zuversicht und Ungewissheit wechseln sich auf der Bühne schlagartig ab.
Um die verschiedenen Stimmungen zu untermalen, setzt Rechsteiner verschiedene Lieder ein, welche die Darsteller selbst singen. Moll- und Dur-Klänge variieren, und schliesslich – an Emilys Beerdigung – singen die Schauspieler die wohl traurigste irische Liebesballade «Oh Danny Boy». Der Friedhof erinnert an ein Wellnesshotel: Die Toten liegen in Liegestühlen, ein Handtuch um die Schultern, in der Hand einen Drink in derselben Farbe.
Die Grenze zwischen Tod und Leben wird unscharf, Emily kehrt für einen Tag nach Grover's Corners zurück und muss erkennen: Die Lebenden nehmen das Leben nicht mehr war. Sie leben tagein, tagaus im selben Trott und wissen die kleinen alltäglichen Dinge nicht zu schätzen. Um das zu begreifen, musste Emily zuerst sterben. Und so kehrt sie auf den Friedhof zurück und hinterlässt ein nachdenkliches Publikum.